Abstand halten, um aufeinander zuzugehen (2020)

Corona verändert unseren Alltag, unser Bewusstsein und unsere Kommunikation. Was ist passiert?

Vieles, in nur wenigen Tagen. Wir haben Mitleid für die Opfer der Pandemie, schenken fremden Angehörigen unser Beileid, teilen und liken deren Hoffnung und hoffen auch selbst – auf das Wohlergehen aller Infizierten weltweit. Dem Rest wünschen wir beste Gesundheit – wie freundlich von uns. Wir, die wir doch in den letzten Monaten und Jahren so kritisch und mürrisch gegenüber allem waren, das uns durch die bösen „Mainstream-Medien“ erreichte. Letztere sind plötzlich wieder wichtig, weil sie uns rund um die Uhr und umfangreich informieren – von den kuriosen Geisterstädten, von den leeren Fußballstadien, von den hilfeschreienden Ärzten im Ausland und von den vorsorglichen Entscheidungen, die unser eigenes Land derzeit erfährt.

Der Grund für die neue Solidarität: Wir haben alle die gleiche Angst. Diesmal ist der Feind keine Minderheit, sondern unbekannt und unsichtbar. Er scheint sich unkontrolliert und so schnell zu vermehren, dass selbst der Finanzminister im Kampf gegen das Virus „alle Waffen auf den Tisch“ legt. Wir erkennen, dass der Schädling keine Grenzen kennt und nationale Interessen keine Rolle mehr spielen, wenn wir als Spezies gewinnen wollen. Eine Ausgangssperre ohne Internet können wir uns dabei nicht vorstellen, deswegen räumen wir auf – auch mit den Lügen. Die letzten Verschwörungstheorien zur „chinesischen Biowaffe Wuhan-400“ kursieren zwar noch, werden aber immer weniger geteilt, weil die Mehrheit im Land die Wahrheit selbst erkannt hat. Mit einem nie so dagewesenem Willen zur Sachlichkeit.

Die Bundeskanzlerin moderiert wieder, überraschend konkret. Selbst die große Koalition wirkt handlungsfähig, selbstbewusst und konsequent. Regierungskritik gibt es kaum, man verlässt sich wieder auf die gewählten Volksvertreter. Man vertraut ihnen, zumindest hört man Ihnen wieder zu. Vielleicht, weil sie wieder was zu sagen haben und endlich draußen schlichten, statt innen zu streiten. Selten war das Vertrauen in die Wissenschaften so selbstverständlich. Innerhalb einer Woche gestehen ausnahmslos alle Politiker unseres Landes: die Pflegebranche leidet, es mangelt an Personal, guter Ausbildung, guter Bezahlung und dem Willen, für 450,- Euro im Monat gegen eine globale Krise in Vollzeit zu kämpfen. Und schön ist auch: unsere Kinder spielen wieder zuhause! Nicht bei Oma, Opa oder irgendeiner Betreuungsstätte am anderen Ende der Stadt. Mama und Papa arbeiten jetzt „remote“, wenn überhaupt – ein längst nötiger Weckruf für alle Arbeitgeber, die sich im Jahr 2020 immer noch nicht von der Vorstellung konventioneller Erwerbsarbeit lösen konnten.

Ist es nicht erstaunlich, wie viel Dynamik so ein winziger Erreger in eine Gesellschaft bringt? Er könnte ein Chance sein. Doch bei all dem Leid, das er bereits verursachte, ist die Angst berechtigt und man kann nur hoffen, dass die Stimmung der geschlossenen Solidarität, der kreativen Improvisation und der altruistischen Lust am Miteinanderleben nicht abflacht.

Die Infektionsrate sollte das allerdings. Denn sollte der Ausnahmezustand Alltag werden, ist ein Kipppunkt absehbar. Und den mag ich mir nicht vorstellen.

Ergo: Bleibt gesund und vorübergehend zuhause!

(Foto aus dem Archiv: Geschäftsmänner auf dem Messe, München-Riem, ca. 2010)

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